Stadt Lorsch lädt zum gemeinsamen Gedenken und Nachdenken ein
Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 88sten Mal. In dieser Nacht eskalierten die täglichen Schikanen, Einschüchterungen und Anfeindungen gegenüber jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in organisierter Gewalt, Zerstörung und Verfolgung. Die Ereignisse machten auf erschreckende Weise deutlich, wie aus einstigen Nachbarn Feindbilder geworden waren und wie Menschen, die fest in ihrer Heimat verwurzelt waren, zunehmend ausgegrenzt, entrechtet, und schließlich vertrieben oder ermordet wurden. Am Ende traf dieses Schicksal über 6 Millionen jüdische Frauen, Männer und Kinder und vernichtete so auch alles, was mit dem jüdischen Leben in Deutschland zusammenhing.
Der Magistrat der Stadt Lorsch lädt alle am 09. November zum gemeinsamen Gedenken um 18 Uhr an die jüdische Gedenkstätte in der Schulstraße ein. Bürgermeister Christian Schönung wird in seiner Ansprache an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern und ein besonderes Augenmerk auf die Kinder der verfolgten Familien legen. Im Anschluss legen Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteherin Christiane Ludwig-Paul gemeinsam einen Kranz nieder.
Danach wird die Veranstaltung im Nibelungensaal des Alten Rathauses fortgesetzt. Dort gibt Thilo Figaj, Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins, einen historischen Einblick in die Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Familien in Lorsch.
Das diesjährige Gedenken setzt das Thema
„Erinnern, Verstehen und Einfühlen“ in den Fokus. Gemeinsam mit den Lorscher
Pfadfinder*innen soll dabei insbesondere die Perspektive junger Menschen in den
Mittelpunkt rücken. Anhand der Lebensgeschichten von drei jüdischen
Jugendlichen aus Lorsch wird deutlich, wie sehr Ausgrenzung und Verfolgung
ihren Alltag, ihre Zukunft und ihre persönlichen Hoffnungen veränderten.
Die persönlichen Schicksale bilden zugleich den Ausgangspunkt für eine gemeinsame Reflexion, bei der auch die Besucher*innen eingeladen sind, sich mit den Erfahrungen der Jugendlichen und den dahinterstehenden gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.
Wie konnten aus nicht nur geduldeten, sondern geschätzten Nachbarn, die mit ihrem Leben und Wirken feste Bestandteile der Gesellschaft darstellten, innerhalb weniger Jahre Geächtete und Verfolgte werden? Wie müssen insbesondere Kinder unter den Bedingungen gelitten haben, plötzlich nicht mehr dazugehören zu dürfen und wie muss es sich angefühlt haben, wenn Menschen, die man kannte, auf einmal wegsahen als sich immer mehr zum schlechteren entwickelte und die Lage der eigenen Familie immer prekärer wurde?
Die Fragen richten den Blick nicht nur auf die Vergangenheit. Sie laden auch dazu ein, über das eigene Verständnis von Zugehörigkeit, über das Wegsehen und über den Umgang miteinander in der Gegenwart nachzudenken. Dabei geht es nicht um fertige Antworten, sondern darum, sich mit den Erfahrungen der damaligen Jugendlichen auseinanderzusetzen und eigene Gedanken zuzulassen.