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Pressemeldungen

 

Bloade, Bärre, Bandeliere

Der Schweiß rinnt in Strömen. Dass das „Bloade“ (Blätter pflücken bei der Tabakernte) eine anstrengende Sache ist, wird auch dem blutigsten Anfänger auf dem Feld schnell klar. Doch in diesem Jahr stöhnen auch die kundigen Pflanzer. „Besonders heute, wo wir das Sandblatt ernten, macht einem die Hitze echt zu schaffen“, sagt Annemarie Remeza, die als erfahrenste Projektteilnehmerin an diesem ersten Erntesamstag die Gruppe der freiwilligen Tabakbauern anführt. Denn unter den Sandblättern versteht man die drei, vier untersten vollausgebildeten Blätter an der Tabakpflanze, die in der Regel bis zu zweiundzwanzig Blätter erntereif aufweisen sollte. Also – ab in die grünen Tiefen des Feldes tauchen und die Blätter vorsichtig vom kräftigen Stil wegbrechen. Lange Hosen, langärmelige Shirts und eine fest gebundenes Kopftuch sind hier sinnvoll, denn der Tabak ist klebrig und er färbt – Nikotin! – bei Berührung Haut und Hände schwarz. „Und das bei 35 Grad im Schatten“, murmelt und grummelt es hie und da aus dem Blätterdickicht des etwa 1000 m2 großen Ackers.

„Ein Handtuch“, schmunzeln die, die einst als Kinder oder junge Erwachsene beim Ernten dabei waren, als man hierzulande mit Tabak noch richtig Geld verdienen konnte. Die „Kuba-Fahrer“ unter den Lorscher Projektlern, also diejenigen, die im Frühling auf den Feldern von Pinar del Rio auf Kuba bei der Ernte halfen, haben an die großen Felder der kubanischen Tabakbauern noch ganz frische Erinnerungen. Aber auch daran, dass dort mit der Ernte begonnen wird, wenn die Pflanzen noch relativ klein sind. „Damals haben wir uns gewundert“, so Wolf Rainer Novender, der im richtigen Leben Elektroingenieur war. „Aber in diesem Super-Sommer in Deutschland geht es uns genauso!“. In der Tat steht der Zigarrentabak Geudertheimer, wie er in Lorsch angepflanzt wird, ungewöhnlich niedrig. Aber er ist reif. „Der Zigarrentabak Geudertheimer darf nicht gelb werden“, weiß Projektleiter Bernhard Stroick. „Wenn das Blatt beginnt, kleine gelbe Flecken aufzuweisen, muss es ab.“

Mit dem alten Eicher-Traktor werden die „Bärre“, Tabakblätter, die mit breiten Gurten zusammengeschnürt sind, zum Aufnähen transportiert. In einem alten Gehöft um Schatten sitzt schon die zweite Hälfte der Gruppe auf Strohsäcken, um die Blätter mit langen Nadeln an der Rippe sofort aufzufädeln. Diese sogenannten „Bandeliere“ werden dann in die dafür gebaute Vorrichtung unterm Dach zum Trocknen aufgehängt. Eine anstrengende und nicht ungefährliche Arbeit. Denn hier gilt es, breitbeinig auf Sparren zu balancieren. „Bewusst wollen wir mitten in der Stadt einen solchen alten Trockenschuppen füllen“, so Gabi Dewald vom KULTour-Amt, die das Projekt ins Leben rief. „Der Tabak soll in dieser Stadt, die 300 Jahre davon lebte, wieder sichtbar sein.“

Doch bevor es allzu mühsam wird, soll der Einsatz beendet sein. „Wir wollen ja diese alten Kulturtechnik des Tabakanbaus aus Spaß daran erhalten und weitergeben“, sind sich die zahlreichen Aktiven einig. „Doch auch wenn unser Feld klein ist, müssen wir sicher noch zwei, drei Mal raus.“ Klar, dass hier auch ein kräftiger Schmaus winkt, die eine oder andere Tasse Kaffee, der obligatorischen Hefekuchen und dass natürlich in der Pause die Lorsa Brasil geraucht wird. „Unsere Zigarre bekommt überall sehr gute Noten – das spornt an“, wissen die Lorscher, auch wenn viele gar nicht rauchen. „Egal: Stolz sind wir trotzdem drauf!“

Vom 15. – 17. September feiern die Lorscher mit vielen Gästen ihr Tabakfest an der Lorscher Kerb. Neben der Firma Villiger Söhne hat die kleinen Kölner Manufaktur La Galana von Annette Meisel dort einen Verkaufsstand. Verkauft und angeraucht wird dann auch wie üblich erst-mals die neue Lorsa Brasil (Ernte 2017). Deutsche und kubanische Zigarrenroller-innen arbeiten dann Seite an Seite und zeigen die Herstel-lung von Long- und von Shortfillern. Annette Meisel lädt am Samstagabend zum Zigarren- und Rum-Seminar im atmos-phärischen Ge-wölbekeller und es wird eine Ausstellung mit kubanischer Kunst rund um die Zigarre eröffnet. Außerdem wird frisch geernteter Tabak auf-genäht und die Lorscher Tabakbauern informieren über ihr Kulturprojekt. Rauchzubehör, die dazuge-hörigen Getränke, viel Genuß und viele Fachge-spräche zu Füßen des UNESCO Welt-erbes runden das Tabakfest ab, das drei Tag dauert.