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Pressemeldungen

 

Brücken zwischen Kulturen bauen

Interkultureller Unterricht der Ökumenischen Flüchtlingshilfe

„Aaah“, spricht Hildegard Walter langsam vor - ein „Aaah“ kommt als Echo zurück.  Als nächster Vokal folgt das „Eeeh“ – und Sherzad und Abdul kämpfen mit dem neuen Laut, der für Afghanen schwer vom „i“ zu unterscheiden ist. Beide schreiben ein wenig Paschto, neben Dari die offizielle Sprache in Afghanistan. Aber lateinische Buchstaben? Fehlanzeige. Daher steht für sie Alphabetisierung auf dem Programm, eine mühsame Kleinarbeit, die Walter und zwei Kollegen leisten. Alles ehrenamtlich für die Ökumenische Flüchtlingshilfe in Lorsch, die so erste Brückenpfeiler für die deutsche Kultur baut.

Sherzad und Abdul sind mit ihrer Lehrerin inzwischen beim „u“ angekommen, da schreibt Wolfgang Ensinger das Wort „Gewaltfreiheit“ an ein Whiteboard. Beides geschieht zugleich im Martin-Luther-Haus, das die Ökumenische Flüchtlingshilfe für Unterricht nutzt.  Im hinteren Raum findet die Alphabetisierung statt, ab und zu sind die Vokalübungen zu hören. Im vorderen Raum gibt es „Interkulturellen Unterricht“ (IKU): Ensinger beschäftigt sich heute mit dem Grundgesetz, das er auf Englisch erläutert. Seine Aussagen übersetzt ein Flüchtling, und zwar in Tigrynia, das die anderen vier aus Eritrea sprechen. Ein schwieriger Weg über die Brücke …

Aber: „Die  Leute trauen sich, in ihrer Heimatsprache Fragen zu stellen“, so Ensingers Erfahrung mit dem Übersetzen. „Das sorgt für ein Mindestmaß an Diskussion.“ Viele Flüchtlinge hätten Angst, offen zu sprechen, da sie aus diktatorischen Systemen nach Deutschland kommen. „Daher ist es mir wichtig, am Anfang demokratische Werte zu vermitteln“, sagt Ensinger.

Bald steht auch das Wort „Religionsfreiheit“ an der Tafel – und etwas später taucht das Stichwort „sexuelle Selbstbestimmung“ auf. Wie unterschiedlich Menschen ticken, macht der Eritreer Osman schnell klar. Er lässt übersetzten: „Sex vor der Ehe ist bei uns völlig verboten.“

Ensinger hält die Gleichheit von Mann und Frau für ein wichtiges IKU-Thema: „Neulich habe ich erlebt, wie bei einer eritreischen Hochzeit alle Frauen in der Küche waren – und die Männer haben vorne getanzt.“ Ein weiterer Unterschied in der Mentalität: der Stellenwert von Verlässlichkeit und Pünktlichkeit. Bei Ensinger fehlten heute gleich fünf von sieben Flüchtlingen. Es klingt wie ein Klischee, ist aber für die anderen IKU-Lehrer ebenfalls ein Problem (Christiane Wittner-Maier, Klaus Demel, Stefan Link).

Nadja Hohler unterrichtet auch IKU, im Moment für junge Flüchtlinge aus Afghanistan und Eritrea. „Sie sollen sich schnell im deutschen Arbeitsleben integrieren“, sagt Hohler. Deshalb hat sie auf einer ihrer vielen Folien notiert: „Zu spät kommen wird als unhöflich empfunden.“ Und im Arbeitsleben kaum akzeptiert, wie sie ihren Schülern immer wieder klar macht.

Heute sind Berufe das Thema. Die IKU-Lehrerin arbeitet mit Händen und Füßen, „schwimmt“ durch den Raum, um den Job eines Fließenlegers zu erklären. Denn er verlegt ja auch die Kacheln in einem Schwimmbecken … Selten nur wechselt Hohler ins Englische: „Damit gehe ich nicht in die Tiefe, zwinge aber die Flüchtlinge zur Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache.“ So ihr Konzept vom IKU-Unterricht.

Zu lernen gibt es Einiges für die Flüchtlinge – aber auch für die ehrenamtlichen Lehrer, die mit viel Improvisationskunst ihren Unterricht gestalten. So wie Hildegard Walter, die mit großer Geduld immer wieder einzelne Vokale vorspricht …

Von Ingo Leipner

Wer will die Ökumenische Flüchtlingshilfe unterstützen?

Die Flüchtlingshilfe trifft sich monatlich einmal mittwochs um 18.30 Uhr u. a. im Stadthaus.

Kontakt:
Katie Hauptmann,
Tel. 0 62 51 / 533 80,
E-Mail: katie.hauptmann@t-online.de