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Die Spannung steigt mit der Temperatur

Lorscher Tabakprojekt fermentiert erstmals die Ernte

„Uns blieb ja keine andere Wahl“, sagt der Mann im Käfig und dreht sich dabei trampelnd und stampfend im Kreis, „ansonsten hätten wir den Tabak nach Mali schicken müssen“. Bei dieser ungewöhnlichen Szene handelt es sich um nichts weniger als um das Tabakfermentieren. Oder besser gesagt: Um den Beginn des Fermentier-Prozesses, der mehrere Wochen dauern wird. Die Lorscher Tabak-Pflanzer haben damit erstmals auch diesen Teil des Verarbeitungsprozesses übernommen. Am Anfang stehen dabei Samenkörner von der Größe einer Stecknadelspitze und am Ende, ein Jahr später – so hofft man jetzt in Lorsch – stehen weitere 10 000 Zigarren der Marke „Lorsa Brasil“. Das Fermentieren ist dabei ganz entscheidend für den guten Geschmack. Doch in ganz Europa gibt es ab diesem Jahr keine Anlage mehr, die diesen notwendigen Reifungs- und Gärprozess übernimmt.

Hommage an eine große Tradition

2013 nahm man in der kleinen Stadt mit dem großen UNESCO-Welterbe Kloster Lorsch den Tabakanbau wieder auf. „Der dreihundertjährige Tabakanbau und dessen Verarbeitung“, so KULTour-Amtsleiterin Gabi Dewald, „das war für Lorsch der bislang mit Abstand wichtigste Gewerbezweig, der die Grundlage der heutige Prosperität der Stadt bildet. Davon zeugen noch neben diversen architektonischen Merkmalen das größte Tabakmuseum Deutschlands, eine monumentale Tabakscheune und seit drei Jahren auch wieder ein etwa 1000 qm großes Feld, auf dem Zigarrentabak angebaut wird.

Eine Pflanze als Taktstock

Hier arbeitet eine Gruppe von etwa 30 Bürgerinnen und Bürgern unter der Anleitung des Museumsleiters Bernhard Stroick. Alle sind Laien, die wenigsten rauchen. „Darum geht es hier auch nicht primär“, so Dewald. „Vielmehr geht es darum, wie Anbau, Pflege und Ernte der Pflanze eine Gemeinschaft prägen, ja durchtakten, wie sich entlang dieser vielen Arbeitsgänge, die alle nur gemeinsam verrichtet werden können, Rituale, Gepflogenheiten und eine ganze Mentalität ausprägen.“ Jährlich kann man sich erneut anmelden, um eine Anbauperiode mitzumachen. „Doch die meisten“, zeigt sich Bernhard Stroick zufrieden, „bleiben dabei.“

Das ist nicht nur aus sozialen Gründen erfreulich. Vielmehr erfordert der Tabakanbau Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Schmerzlich musste man das beispielsweise letztes Jahr erfahren, als sich nach der Aussaat im Frühbeet keine Pflanzen zeigen wollten. War es zu kalt? War es zu nass? War die Anzuchterde nicht in Ordnung? – Im von der Wachstumsperiode her gesehenen letzten Moment konnte man vorgezogene Pflanzen der Tabaksorte Geudertheimer kaufen und sie nach den Eisheiligen (Mitte Mai) auf den Acker setzen.

Alles auf einer Karte

Beim Fermentieren jedoch wird man nichts nachkaufen können, sollte der erste Versuch misslingen. Der eine Doppelzentner, den man Mitte Januar in den mit Strohballen ummantelten Drahtkäfig in der historischen Tabakscheune einbrachte, stellt die ganze Ernte 2015 dar. „Wenn es nicht gelingt, die Temperatur zu erreichen und zu halten, wenn der Tabak zu heiß wird oder er zu viel Feuchtigkeit zieht und schimmelt“ zählt Stroick nur einige mögliche Fehler auf, „dann gibt es zur Tabak-Kerb 2016 keine neue Lorsa Brasil.“ Was eine mächtige Enttäuschung wäre. Denn die Zigarre bekommt gute Noten. „Verrückt: Man sagte uns, in einer deutschen Zigarre befänden sich aus Geschmacksgründen heutzutage nur noch höchstens 10% deutscher Tabak“, lacht die KULTour-Amtsleiterin. „Aber die Lorsa enthält über 60% Tabak aus Lorsch!“ Das Geheimnis ist eines, “das man eigentlich keinem ernsthaften Tabakanbauer verraten darf“, sind sich die Lorscher Tabakpflanzer einig. Denn für den Shortfiller Lorsa Brasil wird ausschließlich Sandblatt aus Lorsch verwendet. „Das ist das kostbarste Erntegut, am schadstoffärmsten und am aromareichsten und macht die Zigarre eigentlich teuer“, weiß man in Lorsch sehr wohl. „Aber wir können mit unserer Arbeitskraft nicht mehr ernten und verarbeiten!“

Bis in Lorsch im September (hoffentlich) der Rauch der Lorsa Brasil 2015 aufsteigen wird, hält man sich also an die Edition vom letzten Jahr. Und zieht schon mal die nächste Charge liebevoll groß.

Die Lorsa Brasil kann man u.a. in der Lorscher Tourist Info im Alten Rathaus kaufen (Corona-Format, Shortfiller, 5 Stück 10 €). Dort kann man auch Tabak-Führungen und sogar einen Tabak-Workshop buchen (www.nibelungenland.info).

Im Herbst feiert man in Lorsch die Kerb (17.-19.09.2016).

Begleitend gibt es dann dort Sonderveranstaltungen rund um den Tabak (Lesungen, Ausstellungen, Workshops etc.) und natürlich werden Zigarren gerollt und verkauft.

Das Lorscher Tabakprojekt steht Rede und Antwort. Mit dem Schwerpunkt Kuba streckt man dort über den Tabak hinaus auch kulinarisch und musikalisch die Fühler Richtung Karibik aus.