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„Ein sicheres Leben jenseits des Meeres haben“

Er sitzt am Fenster und lächelt. Draußen fallen die Blätter golden vom Ginko-Baum und der Nebel wabert über den Wiesen. Was versteht er gar nicht an den Deutschen? „Wie man in so einer Kälte leben kann“, sagt Bereket Kahsay. Der Fremde aus Eritrea dürfte sich allerdings damit eine Frage stellen, wie sie vielen Einheimischen angesichts des beginnenden Winters ebenfalls durch den Kopf geht.

Trotzdem hat der 36-Jährige einen 1-Euro-Job in der kalten Jahreszeit angenommen auf dem Lorscher Friedhof. Und als dieser in eine  saisonal befristeten Halbtagsstelle umgewandelt werden konnte, zögerte er nicht. Egal ob Regen oder Schnee, Sonne oder Eis: Er ist zur Stelle. „Bereket ist total pünktlich, fleißig und zuverlässig“, zählt sein Lorscher Kollege lauter „typisch deutsche“ Eigenschaften auf. „Und er ist immer freundlich.“ Nicht selbstverständlich, wie auch die Besucher des Friedhofes bemerken und schätzen. Gab es jemals dumme Sprüche angesichts eines dunkelhäutigen Mannes mit (noch) nicht wirklich gutem Deutsch zwischen den Gräbern? „Nein“, schüttelt man den Kopf. „Die Leute finden es gut, dass die Flüchtlinge etwas arbeiten können und in Lorsch nicht nur wohnen, sondern auch etwas tun.“ 

Ein Flüchtling, das ist er. Wie Tausende andere in unserem Land. Aber im Gegenteil zur oftmals gesichtslosen Masse, die vielen Angst und es gar zu leicht macht, sie in Bausch und Bogen abzulehnen, kennt man Bereket in Lorsch schon. Er wohnt bei Lorschern, die eine Flüchtlings-Patenschaft übernommen haben. D.h. die sich entschlossen haben, einem dieser unbekannten Fremden die Hand zu reichen und damit zu helfen, wieder ein Zuhause und ein Gesicht in der Masse zu bekommen. „Das war sozusagen Liebe auf den ersten Blick“, schmunzelt  Aster Walter von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe über die Begegnung von Bereket Kahsay und der Familie Brunnengräber. „Sie haben ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen.“

Das hat der stille Mann aus dem Land im Nordosten Afrikas mindestens so nötig, wie ein Dach über dem Kopf. Seine Familie ist dort geblieben. Doch Bereket hat nicht nur Eltern und vier Geschwister zurückgelassen, sondern auch seine Frau und seine beiden kleinen Söhne, 8 und 5 Jahre alt. Der Jüngste hat seinen Vater nie gesehen.

In einer Nacht und Nebel-Aktion ist er 2011 vom Militär desertiert, nach zehn Jahren und zunehmender, schließlich unerträglicher Lebensgefahr, bedroht an Leib und Leben. Ist losgelaufen, einfach los in Richtung Sudan, durch Libyen, auf das Mittelmeer, nach Italien.  Zwei Jahre dauerte seine Flucht nach Europa, immer wieder versteckt, im Gefängnis festgehalten, von Ergreifung, Gewalt und Erschießung betroffen und bedroht. Vor allem in Libyen, wo er zwei Monate gefangen gehalten wurde, das war wohl das Schrecklichste, die aussichtsloseste und gewalttätigste Situation für ihn. Was für ein Bild hatte er vor seinem inneren Auge, was glaubte er, am Ende seiner Flucht, irgendwo in Europa zu finden, wo anzukommen? „In Sicherheit“, sagt er, „ein sicheres Leben zu haben jenseits des Meeres.“

Er liebt die Arbeit als Maurer, das würde er am liebsten beruflich tun. Als Maurer hat er gearbeitet, bevor er zum Militär eingezogen wurde, auch viel landwirtschaftliche Arbeit. Das Militär kann in seinem Heimatland die Männer willkürlich, ohne Angabe von Gründen und beliebig lange verpflichten. Die Willkürherrschaft macht sich nicht nur darin bemerkbar. Bereket kam zunehmend in Schwierigkeiten, musst schließlich um sein Leben fürchten. Hat seine Frau Bereket verstanden, als er flüchtete? „Natürlich war sie nicht begeistert“, sagt er. „Aber sie wusste, ich war in Todesangst, dass mein Leben bedroht war.“

Ab und an telefonieren sie. Sehr selten ist das möglich, zu abgelegen ist das Heimatdorf. Er aber träumt davon, dass er sie auch in ein sicheres Land holen kann, mit seinen kleinen Söhnen. Ihnen zeigen, dass hier „immer, immer alle Regale in den Supermärkten voll sind, niemals leer, noch nicht mal halbleer, immer wieder voll“, das findet er geradezu unfassbar. Doch sein Asylantrag ist „in Bearbeitung“, niemand weiß, wie lange und mit welchem Ende dieser behandelt wird.

Schickt er seinen Söhnen etwas zu Weihnachten? Ja, kaufen will er etwas für die beiden. Aber er hat keinen Boten, niemandem, dem er die Sachen anvertrauen kann, der sie für ihn mitnimmt in die Heimat und abgibt. Und schicken, mit der Post, das ist keine Option. „Das kommt niemals an“, weiß man aus der Erfahrung. - Und er? Ob er jemals wieder wo ankommt? Keine Frage, die sich Bereket Kahsay derzeit zu stellen scheint. Er hat gelernt, von einem Tag auf den anderen zu denken. Und zu hoffen. Immerhin: Er lebt. Derweil hilft er den Lorschern, ihre Toten zu bestatten und zu ehren.  

Wer möchte die Ökumenische Flüchtlingshilfe unterstützen?

Der Helferkreis trifft sich monatlich einmal mittwochs um 18.30 Uhr im Stadthaus.

Bei Interesse kann man sich auch jederzeit melden bei Sibylle Römer, Fon 0 62 51. 98 91 690, E-Mail: sibylleroemer@hotmail.com